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NS-Zeit im Ötztal
Forschungs- und Themenschwerpunkt

Das Forschungsprojekt „NS-Zeit im Ötztal“ hat sich in der Vorbereitung über drei Jahre (2022-2025) erstreckt. Rund 30 Personen wurden eingeladen, Aspekte der NS-Zeit im Ötztal zu beforschen und einen schriftlichen Beitrag für einen Sammelband bereitzustellen.

25 Personen sind dieser Einladung gefolgt und nahmen im Sommer 2022 die Arbeit auf. Verena Sauermann digitalisierte möglichst umfangreich relevante Unterlagen aus dem Archiv Gedächtnisspeicher der Ötztaler Museen, sowie weitere relevante Daten wie Fotografien, Chroniken, Berichte. Diese wurden den Forschenden via Cloud zur Verfügung gestellt.

Durch die Aufteilung der Forschungen auf ein großes Forschungsteam sollten in der Region in Form von Gesprächen, Interviews und Recherchen zahlreiche Impulse erfolgen, die einerseits die Auseinandersetzung mit der NS-Zeit anregen und andererseits den Forschungsprozess unterstützen sollten. Um Begegnung und Kommunikation mit den Menschen im Tal weiter zu unterstützen, wurden mit den Forschenden die Teilnahme an einem Symposium zur Halbzeit der Forschungen vereinbart.

Im September 2023 fand dieses Symposium als zweitägige Veranstaltung im Unizentrum Obergurgl statt.

Im September 2023 fand dieses Symposium als zweitägige Veranstaltung im Unizentrum Obergurgl statt. Die Veranstaltung wurde beworben und sollte niederschwellig öffentlich zugänglich sein. Zum einen sollte auf diese Weise das Forschungsteam die Möglichkeit haben, sich auszutauschen und zusammenzuarbeiten, zum anderen sollten Interessierte die Möglichkeit eines Einblicks in die Arbeiten und Fragen erhalten. Die Forschungsarbeiten wurden in Folge bis Sommer 2024 fertiggestellt und liegen seit 2025 als Sammelband „NS-Zeit im Ötztal“ als Band 12 der Ötztaler Museen Schriften vor.

Über 70 Menschen waren in dieses Gesamtprojekt involviert, von den Chronistinnen und Chronisten der Gemeinden über die Forschenden bis hin zu den Ausstellungsteams. Einige Unterlagen zum untersuchten Zeitraum lagen schon sortiert und digitalisiert in den Ortschroniken und Regionalarchiven – vieles musste allerdings erst ausgehoben, recherchiert, zusammengetragen werden. Eine zentrale Rolle für die heute vorliegenden Inhalte zur „NS-Zeit im Ötztal“ kam den wissenschaftlichen Autorinnen und Autoren zu, die für die Bearbeitung ausgewählter Themen gewonnen werden konnten. Einige der Forschungsarbeiten dockten an aktuell laufende oder vor kurzem abgeschlossene tirolweite Forschungsprojekte an. Trotz allem gibt es in der Betrachtung des Zeitraumes 1933 bis 1945 auch nach Ende des Projekts beträchtliche inhaltliche Leerstellen, Fragen die nicht beantwortet und Themen die nicht bearbeitet werden konnten. Es ging vor allem darum, den Anfang zu machen – und in weiterer Zukunft so auch weiterführende Forschungen anzustoßen.

Wie bereits erwähnt stützten sich die Inhalte der Ausstellungen, des Audioguides und des Veranstaltungsprogramms auf die Beiträge im Sammelband „NS-Zeit im Ötztal“, ein Überblick über die Autorenschaft und die Themengebiete soll nachfolgend gegeben werden.

Den Anfang machte Thomas Albrich im Beitrag Die legale und illegale NSDAP im Ötztal von den Anfängen bis nach dem „Anschluss“ 1938 mit einer Vorgeschichte der NS-Zeit im Ötztal. Nikolaus Hagen setzte mit dem Beitrag NSDAP und Gemeindeverwaltung im Ötztal 1938 bis 1945 fort und zeichnet den Aufbau und die Entwicklungen der NS-Strukturen bzw. auch die Schwierigkeiten ihrer Organisation auf Gemeindeebene nach. Einen Überblick über die wirtschaftlichen Aspekte der NS-Zeit im Ötztal gibt Wolfgang Meixner im Beitrag (Kriegs)Wirtschaft im Ötztal. Direkt darauf aufbauend zeichnete Sabine Pitscheider im Beitrag „Mehr Arbeit als Arbeiter“ – Zwangsarbeit im Ötztal nach, wie es kriegsbedingt zum Einsatz von Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeitern kam und welche Lebens- und Arbeitsbedingungen diese im Ötztal vorfanden. Der Fremdenverkehr im Ötztal vor und während der NS-Zeit ist Gegenstand der Betrachtungen von Michael Kasper. Bernd Schröder zeichnete die ideologische Entwicklung am Beispiel der Sektion Mark Brandenburg nach und stellt das Hermann-Göring-Haus, die heutige Martin-Busch-Hütte, in den Fokus seines Beitrags Hüttenbau unterm Hakenkreuz. Planung und Bau des Hermann-Göring-Hauses in den Ötztaler Alpen. Der Kraftwerksbau und Kraftwerkspläne in den Jahren 1938–1945 waren Gegenstand der Forschungen von Annine Seebacher. Verena Sauermann und Nikolaus Thoman zeigen im Beitrag „… daß nur eine Deutsche Weihnacht in Frage kommt.“ Ötztaler Schulen im Nationalsozialismus auf, wie über das Schulsystem ab 1938 auch im Ötztal systematisch Propaganda betrieben und die Lehrinhalte ideologisch aufgeladen wurden. Einen Überblick über Ländliche Kulturpolitik im Nationalsozialismus gab in Folge Nikolaus Hagen. Er führte direkt im Anschluss in einem weiteren Beitrag mit dem Titel „Burgen des Wehrwillens und der Gemeinschaft“. Der Standschützenverband und die Schießstandbauten im Ötztal aus, welche Rolle die Tiroler Schützen bzw. die NS-Standschützen in den 1930er und 1940er Jahren spielten. Andrea Sommerauer widmete sich im Beitrag Aufspielen für Führer, Volk und Vaterland. Blasmusik im Ötztal in der NS-Zeit dem Themenfeld der Blasmusik, Anna Larl, Manuela Rathmayer und Konrad J. Kuhn in ihrem Text Tanzschritte und Gleichschritt. „Volkstanz“ und Nationalsozialismus im Ötztal dem weiten Feld der Volkstänze. Dieser Aspekt der Durchdringung von volkskulturellen Elementen mit NS-Ideologie betrifft auch Tracht und Kleidung, wie Nadja Neuner-Schatz im Beitrag Tracht im Ötztal zwischen 1900 und 1950. Zur Trachtenbegeisterung im Nationalsozialismus ausführte. Karin Moser gab einen film- aber auch kulturhistorischen Überblick über die Rolle der Geierwally, gerade auch für die NS-Propaganda. Im Beitrag „Wild, leidenschaftlich und stolz“ – Die Geierwally. Das Ötztal im Fokus einer NS-Filmproduktion stellt sie die Hintergründe zu den Filmarbeiten im Ötztal im Jahre 1940 vor. Von der NS-Kulturpolitik ist es ein harter Bruch zum Themenfeld, in das Ina Friedmann nachfolgend Einblick gibt. Die Autorin zeichnet im Beitrag Die Sicherung der ‚Erbgesundheit‘ im Ötztal nach, wie Menschen in der NS-Zeit unter dem Schlagwort der „Rassenhygiene“ bewertet und behandelt wurden. Themenverwandt setzt Oliver Seifert auf Basis der Akten im Tiroler Landeskrankenhaus Hall fort: Sein Beitrag „Von den ‚Nazi‘ umgebracht“. Die Ötztaler Opfer des nationalsozialistischen Krankenmordes stellt die 12 Ötztaler Opfer der NS-Euthanasie vor und zeichnet nach, wie eine solche menschenverachtende und mörderische Politik möglich wurde. Eine bemerkenswerte Studie der 1940er Jahre über die Menschen im Ötztal nehmen Rainer Hofmann und Astrid Schuchter unter die Lupe: In Gustav Sauser und „Die Ötztaler“ – „ein einzigartiges rassenkundliches Werk“ erklären sie, wer Gustav Sauser war und wie und warum er ein umfangreiches Buch zur rassekundlichen Kennzeichnung der Ötztalerinnen und Ötztaler verfasste. Warum es im Ötztal mehr Deserteure als in manch anderen Regionen gab, das beschreibt Peter Pirker detailliert am Beispiel zahlreicher lokaler Deserteursbiografien im Beitrag Wer widerstand? Deserteure der Wehrmacht und ihre Helfenden im Ötztal. Ein Feldpostkonvolut von über 300 Briefen, (Feld)Postkarten und Fotografien war Gegenstand der Betrachtungen von Anna Larl und Manuela Rathmayer im Beitrag „Meine liebste Frau Kathi, am Anfang meines Schreibens seist du wie immer von deinem Mann herzlich gegrüßt!” Von Umhausen an die Westfront, Ostfront und zurück. Wie gegensätzlich und doch verschränkt Einzelbiografien in einer ländlichen Gemeinde sein können, das beschreibt Manfred Wegleiter ausgehend von Haiming im Beitrag Zwei Leben im Schatten des Hakenkreuzes. Erwin Golser, Bürgermeister. Sonja Zkorezki, Dolmetscherin. Im Beitrag Zwischen Verfolgung und Widerständigkeiten. Familienbiographische Annäherungen an Jenische im Ötztal während des Nationalsozialismus beschreiben Michael Haupt und Bernhard Schneider, wie Jenische als „Asoziale“ systematisch verfolgt wurden und welche Wege sie mitunter aus der Repression fanden. Ein Bergdorf als Teil einer Aufbaugemeinde nimmt Walter Falkner im Beitrag Niederthai in der NS-Zeit unter die Lupe, er zeigt chronikartig verschiedene Aspekte der Veränderungen des Ortes in den Jahren 1938–1945 auf. Zwei abschließende Beiträge widmeten sich einer Studie des Dialektforschers Eberhard Kranzmayer, die 1941 dem Ötztaler Dialekt das Prädikat der „ältesten bajuwarischen Mundart“ verlieh. Der Ötztaler Dialekt, wurde in die nationale österreichische UNESCO-Liste des Immateriellen Kulturerbes aufgenommen. Wer Kranzmayer war und warum er diese Studie verfasste, das beleuchtet Verena Sauermann im Beitrag Eberhard Kranzmayer und der Ötztaler Dialekt. Yvonne Kathrein ging im darauffolgenden Beitrag „älteste bairische Binnenmundart“: Gedanken zur Einordnung eines Prädikats darauf ein, was von dieser Einordnung zu halten ist.

Rezeption

Das Forschungs- und Vermittlungsprojekt traf auf enormes Interesse. Alle Veranstaltungen waren überdurchschnittlich gut besucht. Die Ausstellungen und die Publikation wurden regional, aber auch überregional stark angefragt. Dabei waren die Reaktionen zu Projektbeginn besonders vor Ort im Tal verhalten: Es wurde immer wieder die Frage gestellt, ob es wirklich nötig sei, „den alten Staub aufzuwirbeln“ – und auch der Vorwurf, dass da welche von außerhalb des Tales kämen und den Einheimischen ein solches Projekt vor die Nase setzten, ohne sich um zwischenmenschliche Brüche zu kümmern, wurde formuliert. Vielfach äußerte vor allem die Kindergeneration der Zeitzeuginnen und Zeitzeugen diese Bedenken, während die Enkelgeneration unterstrich, dass man nichts wüsste und wohl auch deshalb keine Sorgen hatte, dass Verborgenes auftauchen könnte.

Das anfängliche Unbehagen verpuffte alsbald, sodass viele Menschen aus allen Gemeinden das Projekt unterstützten. Das Museumsteam bemühte sich, die Bevölkerung durch Interviews, Gespräche und Begleitveranstaltungen in den Forschungsprozess miteinzubeziehen.

Ziel des Projektes war es nicht zuletzt, der Erinnerungskultur in der Region Anschub zu geben. Das Fotografieprojekt „AUF DEN ZWEITEN BLICK“ von Elias Holzknecht führt besonders deutlich vor Augen, wie sehr dieses Kapitel der Ötztaler Geschichte bislang ausgeblendet wurde. Im Sommer 2025 setzten sich zahlreiche Menschen im Ötztal wohl das erste Mal seit 80 Jahren umfassend mit den Ereignissen von 1938 bis 1945 auseinander, und nicht zuletzt mit der Frage: Wie umgehen mit diesem Erbe? Eine Antwort darauf soll unter anderem das Projekt “Ötztaler Erinnerungszeichen” geben, das im Sommer 2026 umgesetzt wird.