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Bilderspaziergang
Hebammen im Ötztal

Beim Hebammenwesen handelt es sich um eines der ältesten für Frauen zugänglichen Berufsfelder. Besonders in ländlichen Regionen wie dem Ötztal spielten Hebammen eine zentrale Rolle bei Geburten, waren hier doch bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts Hausgeburten die Regel.

Das Hebammenhandwerk wurde in Tirol über viele Jahrhunderte mündlich weitergegeben. Erst unter Kaiserin Maria Theresia wurde eine formelle Hebammenausbildung in Tirol geschaffen. Neben der bis in jüngste Zeit vorhandenen Vorstellung, dass eine Hebamme stets eine Frau zu sein hat, wurde landläufig auch erwartet, dass sie bereits verheiratet und selbst Mutter ist.

Zu den Aufgaben von Hebammen gehörte neben der Geburtshilfe auch die Vor- und Nachsorge für Mutter und Kind. Dabei verfügten sie meist über relativ weitreichendes medizinisches Wissen, denn Ärzte waren nur in Ausnahmefällen bei Geburten anwesend. Aus diesem Grund führten Hebammen zunehmend auch medizinische Instrumente mit sich.

Aufgrund von Mangelernährung und unzureichenden hygienischen Bedingungen war die Zahl tödlich verlaufender Geburten auch im Ötztal lange Zeit relativ hoch. Deshalb gehörte es auch zu den Pflichten einer Hebamme einem bei der Geburt verstorbenen Kind die Nottaufe zu spenden. Ein Objekt, das die hohe Kindersterblichkeit für das Ötztal verdeutlicht, ist der Grabstein eines Kindes, der im Heimatmuseum zu sehen ist.

Die Aufzeichnungen einer Hebamme stellen eine interessante Quelle dar, geben sie doch genaue Auskunft über die Geburten in ihrer Gemeinde. Dabei wurden nicht nur Lebend-, sondern auch Tot- und Fehlgeburten registriert, was in kirchlichen Taufmatrikeln wenig oder gar nicht passierte. Außerdem geben sie Einblick in den Gesundheitszustand von Müttern und ihren Kindern, z.B. zum Entwicklungsstand des Neugeborenen oder der Lage des Kindes im Mutterleib zum Zeitpunkt der Geburt. Ebenso verraten die Aufzeichnungen mehr über die soziale Situation der Mutter, etwa ihren Familienstand, ihren Beruf oder Anzahl von Kindern.

Eine jener Frauen, die den Hebammendienst im Ötztal zu Beginn des 20. Jahrhunderts ausübte, war Maria Riml (geb. Seitner). Über die aus Huben im hinteren Ötztal stammende Frau ist nur wenig bekannt. Auskunft über ihre Tätigkeit als Hebamme geben nur vier sogenannte „Tagebücher“, die vor kurzem in den Besitz der Ötztaler Museen gelangten. Darin aufgezeichnet sind die Geburten in der Gemeinde Längenfeld in den Jahren 1921/22, 1923/24, 1926 und 1928.

Aus diesen Hebammenbüchern geht hervor, dass es in Längenfeld zu dieser Zeit immer wieder zu Todesfällen von Neugeborenen bei oder nach der Geburt kam. Besonders tragisch erscheint dabei das Schicksal von Johanna Brugger, der Ehefrau eines Tagelöhners aus Gries im Sulztal. Ihre Zwillingstöchter Maria und Helena verstarben beide bei der Geburt im Juni 1928. Rimls Aufzeichnungen sprechen davon, dass das erste Mädchen am 12. Juni in Steißlage zur Welt kam und bei der Geburt erstickte. Ihre Zwillingsschwester wurde zwei Tage später geboren und starb beim Versuch einer Perforation am Kopf durch den Arzt Dr. Knoll.

(Tobias Reiner)

Otto Dapunt (Hg.), Fruchtbarkeit und Geburt in Tirol, Innsbruck 1987.
Kulturraum Tirol: Wöchnerin, Fatschenkind und Hebamme – medizinische Versorgung für Mutter und Kind (ab 1800), https://www.kulturraumtirol.at/woechnerin-fatschenkind-und-hebamme-medizinische-versorgung-fuer-mutter-und-kind-ab-1800/ (abgerufen am 29.08.2026).